Besondere Projekte

Aus dem Projekt ist eine DVD entstanden

ROBERT SCHUMANN - 
seine Musik, seine Krankheit, kann man das hören? 
Gesprächskonzert des Tübinger Ärzteorchesters 

 
Projektverlauf 
Entstehung des Projekts: 
Im Zuge seiner Neuorientierung hat das Tübinger Ärzteorchester geplant, sich mit thematischen Schwerpunkten zu befassen, die um die Pole Musik, Arzt, Krankheit, Patient kreisen. Nach dem ersten erfolgreichen Projekt 2017 "In der Klinik - für die Klinik” hat sich das Tübinger Ärzteorchester für 2018 die Auseinandersetzung mit dem Spätwerk von Robert Schumann vorgenommen. Das Projekt hieß deshalb: "SCHUMANN - seine Musik, seine Krankheit, kann man das hören?” Dazu sollte mit den Mitteln konzertanter Aufführung gezeigt werden, "ob man an Werken von Schumann - zumal an seinem Violinkonzert, das seine letzte Komposition ist - etwas über seine innerseelische Verfasstheit erkennen kann" (Zitat aus dem Projektantrag an die Stadt Tübingen vom 23.12.2017). 

Das Projekt: 
Zur besseren Vermittlung des thematischen Schwerpunktes dieses Projekts wurde yom Dirigenten des Tübinger Ärzteorchesters Ulrich Bürck die Form eines Gesprächskonzertes gewählt. Sein Gesprächspartner, mit dem er Schumanns Violinkonzert erörterte, war Dr. Michael Struck, Mitglied im Leitungsteam der Johannes-Brahms-Gesamtausgabe der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, dessen Dissertation das Thema hatte: " Die umstrittenen späten Instrumentalwerke Schumanns. Untersuchungen zur Entstehung, Struktur und Rezeption " (Hamburg 1984). 
Es war vorgesehen, zwei Konzerte in Tübingen zu geben: eins in der CRONA, eins in der Stephanuskirche. Bei der Konkretisierung des Projektablaufs stellte sich heraus, dass es aus organisatorischen und terminlichen Gründen (Konzerttermin in der Woche vor Pfingsten) nicht möglich war, das Konzert im Tübinger Klinikum CRONA durchzuführen. Deshalb wurde neben dem Konzert in der Tübinger Stepanuskirche ein zweites Konzert im Bibliothekssaal in Bad Schussenried veranstaltet, um das Programm ein weiteres Mal zu Gehör zu bringen. Beide Konzerte waren für das Publikum kostenlos, um Spenden wurde gebeten. 

Projektablauf:
Die Proben am Programm begannen Anfang Dezember 2017 in wöchentlichem Rhythmus. Generalprobe war am 15.5.2018. Das Konzert in Bad Schussenried fand statt am Mittwoch, den 16. 5., um 20 Uhr, das Konzert in der Stephanuskirche war am Freitag, den 18. 5., 20.15 Uhr. 

Programm: 
Robert Schumann: Sinfonie No.3 Es-Dur, op.97, 
Luigi Dallapiccola: "Piccola musica notturna" (1954), 
Wilhelm Friedemann Bach: Sinfonia d-moll FV 65, 
Robert Schumann: Violinkonzert d-moll, op. posth., 
Solistin: Eva Schall (geb. 1993 in Tübingen) 
Mitwirkung: Dr. Michael Struck
Leitung: Ulrich Bürck


Ergebnisse 
Das Konzert in Bad Schussenried, das an einem Mittwoch stattfand, hatte rund 100 Zuhörerinnen und Zuhörer. Beim Konzert in der Stephanuskirche in Tübingen waren zwischen 250 und 300 Zuhörerinnen und Zuhörer anwesend.
Das Konzert in der Stephanuskirche war ein guter Erfolg. Es gelang, durch die Erkenntnisse des Gesprächs zwischen Dr. Michael Struck und dem Dirigenten Ulrich Bürck vertiefende Einblicke in die Komposition des Violinkonzerts zu geben. Diese waren zusammen mit vom Orchester kurz angespielten Belegstellen eine gute Hörhilfe für das Publikum, das dem Programmflyer Informationen über Schumanns Biografie entnehmen konnte. 
Zu der generellen Frage des Projekts: "SCHUMANN - seine Musik, seine Krankheit, kann man das hören?" vertrat Dr. Michael Struck im Konzert folgende Meinung: Die Besonderheit der Konzeption des Violinkonzerts liegt darin, dass sie als ein fiktiver "Heilungsprozess" einer seelischen Krankheit aufgefasst werden kann: 
Im ersten Satz beginnt Schumann anders als in seinen anderen Solokonzerten mit einem Orchestertutti, das, wie die anderen Tutti, durchaus monumental und quasi furchterregend-sinfonisch angelegt daherkommt. Die Solostimrne, die man als Individuum verstehen kann, ist häufig monologisch (teils wie "Rezitativ", teils wie "Arie") geführt. Durch den Kontrast zu den Orchestertutti wird Einsamkeit und Abgetrennt-Sein von den anderen erlebbar. 
Zweiter Satz: Vision einer Idylle, aber "ver-rückt" (durch die synkopische Verschiebung zwischen Melodie und Begleitung) -dadurch wird sie als "noch nicht wirklich" erlebbar. 
Dritter Satz: nun endlich eine engere Verflechtung zwischen Solistin und Orchester, Interaktionen von teilweise spielerischer Leichtigkeit -endlich ist Dialog möglich! (Dies erkärt auch das ungewöhnlich langsame Tempo des Finalsatzes: er ist eben primär kein Bravourstück eines begnadeten Einzelnen - wie üblich in Konzerten -, sondern ein Ort "befreiten gemeinsamen Singens".) 
Das Konzert im Ganzen kann also als ein Weg aus der Vereinzelung erlebt werden. Dirigent Ulrich Bürck fügt hinzu: 
Das Erleben von Vereinzelung kann man mit der damaligen Lebenssituation Schumanns durchaus vereinbaren: In den Tagen nach der Komposition des Violinkonzerts wurde er von seinem Amt als städtischer Düsseldorfer Musikdirektor enthoben -zu "fremd" schien er mittlerweile gegenüber den Bedürfnissen einer Bürokratie und auch gegenüber den Bedürfnissen von "normalen" Orchestermusikern. Überhaupt wird er von Zeugen seiner letzten Lebensjahre als ein sehr schweigsamer Mensch beschrieben. Das Violinkonzert hat Schumann im September 1853 komponiert, im Februar 1854 unternahm er einen Suizidversuch, am 4. März 1854 wurde er in die Anstalt für Behandlung und Pflege von Gemütskranken und Irren in Endenich bei Bonn eingeliefert, am 29. Juli 1856 ist er gestorben. 

 
Fazit 
Das Projekt hat gezeigt, dass das Format des Gesprächskonzertes einen wichtigen Aspekt der Auseinandersetzung mit den Themen Musik, Arzt, Krankheit, Patient vertieft hat. Es hat dem Tübinger Ärzteorchester e.V. ermöglicht, ein weiteres Konzertformat zu entwickeln. Das Orchester wird weiterhin solche Konzerte in eigener Regie veranstalten. Auch wenn das vorgesehene Konzert in der CRONA nicht stattfinden konnte, ist das Orchester mit dem Erfolg des Projektes zufrieden und wird seine Ergebnisse nicht zuletzt in die nächsten Konzerte in Kliniken einfließen lassen. 

Dr. Ulrike Danckwardt, Vorsitzende des Tübinger Ärzteorchesters e.V.
Share by: