"Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann
und worüber es unmöglich ist zu schweigen"
Victor Hugo"

KLEINE GESCHICHTE DES TÜBINGER ÄRZTEORCHESTERS

Das Tübinger Ärzteorchester wurde im Herbst 1984 von dem in freier Praxis tätigen Hechinger Nervenarzt und Psychotherapeuten Dr. med. Norbert Kirchmann gegründet. Es ging ihm um eine Verbesserung von Kommunikation und Repräsention der ärztlichen Kollegenschaft. Es war ihm ein Anliegen, musizierenden Kollegen und Kolleginnen ein Forum zum gemeinsamen Musizieren zu schaffen , aber auch zur Imageverbesserung der Ärzteschaft nach außen beizutragen, indem er der Öffentlichkeit Ärzte als eine Gruppe von idealistisch und gemeinnützig agierenden Musikern präsentierte. Seit Anbeginn wurde das Orchester dankenswerterweise von der Bezirksärztekammer Süd-Württemberg unterstützt.
Es waren der damalige Präsident Dr. Ernst Unseld und der Geschäftsführer Prof. Dr., Helmut Narr, die zu der Neugründung ihren Segen gaben. Auch die nachfolgenden Präsidenten und Geschäftsführer Prof. Dr. Wolfgang Mangold , Dr. Michael Datz und Prof. Dr. Hans Kamps waren dem Orchester herzlich zugetan. Seit 2011 kann sich das Orchester der Solidarität der Ärztekammer unter dem Präsidenten Dr. Michael Schulze und der Geschäftsführerin Frau Dr. Regine Kiesäcker erfreuen, wofür man sehr dankbar ist.

Von Anfang an verfolgte Kirchmann als Dirigent ein sehr spezielles Programmkonzept, indem er sich nicht nur auf das
Standard - Repertoire der klassischen Musik konzentrierte, sondern auch auf musikalische Raritäten, besonders aus der Epoche der Romantik, wobei er eine besondere Vorliebe für selten aufgeführte große Chorwerke entwickelte.

Schon bald verfügte das Orchester über eine Besetzungsstärke von 60 Personen, was die Aufführung auch großformatiger Werke ermöglichte. Bereits 1986 wurde z.B. als Tübinger Erstaufführung in der Stiftkirche von Hector Berlioz das Oratorium “ L ´enfance du Christ “ aufgeführt. Es war zugleich die erste Kooperation mit der namhaften, mit Preisen vielfach geehrten Christophorus – Kantorei aus Altensteig, die sich noch oft wiederholen sollte.

Im Laufe der Jahre kamen immer wieder große Oratorien zur Aufführung : „Das Paradies und die Peri“ op. 41 von Robert Schumann, “ Odysseus, Szenen aus der Odyssee“ op.41 von Max Bruch, „Mors et vita“ von Charles Gounod. Mit dem Süddeutschen Konzertchor wurde u.a. in der Tübinger Stiftskirche und der Stuttgarter Leonhardskirche die „Grande Messe des Morts“op.5 von Hector Berlioz realisiert, eine Aufführung mit 230 Mitwirkenden, darunter 16 Pauken und 30 im Raum in 4 Gruppen verteilten Blechbläsern. Weitere aufwendige Chorwerke waren „Lazarus“ von Franz Schubert , das „Stabat mater“ von Rossini , das „Magnificat“ von J.S. Bach und das Opernfragment „Loreley“ von Mendelssohn. Im Herbst 2013 kam es zu einer eindrucksvollen Kooperation mit dem Deutschen Ärztechor, wobei neben der „Cäcilienmesse“ von Gounod das „größte Monumentalwerk der Musikgeschichte“ , das TE DEUM von Berlioz, zur Aufführung kam. Die meisten der erwähnten Werke waren für unsere Region Erstaufführungen und wurden als solche von der Kritik besonders positiv gewürdigt.

Auch im Bereich der rein sinfonischen Musik gab es zahlreiche bemerkenswerte Erstaufführungen von Werken, die z.T. deutschlandweit mehr als 100 Jahre nicht gespielt worden waren: die Sinfonie d –Moll op. 20 des Schumannschülers Albert Dietrich und sein Violinkonzert op. 30 , die 1. Sinfonie von Norbert Burgmüller , die 9. Sinfonie „Im Sommer“ , das Cellokonzert d – Moll und das Klavierkonzert c - Moll von Joachim Raff, der schwäbische Wurzeln in Empfingen hat, Cellokonzerte von Robert Volkmann und Carl Reinecke. Vom 3. Klavierkonzert von Franz Liszt erarbeitete das Orchester mit dem Solisten Tomislav Baynow die Deutsche Erstaufführung.

Kirchmann entdeckte unter den im 19. Jahrhundert viel komponierten Schauspielmusiken – Vorläufer unserer allgegenwärtigen Filmmusik – viele ungehobene Schätze und ließ sie in der Realisierung mit Sprechern, Chor, Solisten und Orchester in konzertanter Form zu „Gesamtkunstwerken“ werden: „Peer Gynt“ von Edvard Grieg, „Egmont „ von Ludwig van Beethoven, „Antigone“ und „Athalia“ von Mendelssohn (letzteres mit 250 Mitwirkenden). “Snegurotschka“ op.12, ein prachtvolles musikantisches Frühwerk von Peter Tschaikowsky, kam als zweite Deutsche Aufführung überhaupt seit der Uraufführung 1873 zur Aufführung. Im Herbst 2008 erklang von Schubert das opernhafte Melodram „Die Zauberharfe“ als zehnte Aufführung weltweit seit 1820. Im Herbst 2010 wurde Schuberts „Rosamunde, Fürstin von Zypern“ realisiert. Fünf Sprecher rezitierten den erst vor 15 Jahren wieder aufgefundenen Text der Helmina von Chezy in einer Textfassung von Norbert Kirchmann - in dieser Form die zweite Aufführung weltweit. Bei diesen musikalisch-literarischen Projekten war die Kooperation mit dem Kammerchor „Schola sine nomine“ Kirchentellinsfurt besonders fruchtbar. Reiner Hiby übernahm dankenswerterweise die Einstudierung des Chores und wirkte auch als Bariton und Sprecher mit.

Zum 25jährigen Jubiläum 2009 hatte sich das Orchester etwas besonderes vorgenommen, das Marienoratorium „La Vierge“ des französischen Opernkomponisten Jules Massenet , von Kirchmann zudem ins Deutsche übersetzt. Es handelte sich tatsächlich um eine Deutsche Erstaufführung dieses schon 1880 in Frankreich uraufgeführten Werkes, das in USA und den mediterranen Ländern durchaus präsent ist. Den Musikern wurde das Geschenk zuteil, dass in allen Aufführungen das Publikum so ergriffen war, dass erst nach 1-2 Minuten der begeisterte Beifall aufflammte.

Einen relativ breiten Raum nahmen Werke von Max Bruch ein, einem weit unterschätzten Spätromantiker. (Kirchmann war 1997 Mitbegründer einer Max - Bruch- Gesellschaft ). Nicht nur das allbekannte erste ,sondern auch das zweite Violinkonzert , die „Schottische Phantasie“ und seine Violinromanze wurden mit dem herausragenden Tübinger Geigenvirtuosen Jochen Brusch aufgeführt, dem das Orchester seit Jahren eng verbunden ist. Er war auch 2013 der Solist der Aufführung des Violinkonzertes op. 30 von Albert Dietrich , das nicht nur in Tübingen ,sondern auch am Geburtsort des Komponisten in Meißen innerhalb einer Reise nach Sachsen mit Erfolg aufgeführt wurde . Als weitere Werke von Max von Bruch seien genannt : mit Cellosolo „Kol Nidrei“, „Adagio über Keltische Melodien“ und „Ave Maria“, außerdem sein Doppelkonzert für Bratsche und Klarinette und als späte Uraufführung 1997 seine 1915 komponierte „Suite für Orgel und Orchester“ op. 88b, die Gunter Staudacher und Kirchmann nach dem Manuskript erstmals herausgegeben hatten. 2000 waren in einem wunderschönen Weihnachtskonzert mit der Christophorus - Kantorei Altensteig sämtliche weihnachtlichen Chorwerke von Bruch zu hören, die dann auch auf CD erschienen, darunter zwei Weltpremieren.

An CDs hat das Orchester außer der oben erwähnten noch weitere vier eingespielt: schon 1989 das 2. Klavierkonzert von S. Rachmaninoff mit dem bekannten, leider mittlerweile verstorbenen, Tübinger Pianisten Robert – Alexander Bohnke. Neben der deutschen gab es eine englische und französische Fassung der CD. Noch 1999 sollen nach Aussage des Produzenten 4000 Exemplare nach Südamerika verkauft worden sein. Die CD wurde u.a. in CD-Läden in New York, Rom und Paris gesichtet. 2004 auf einer bei Aldi erhältlichen Klassik –CD , das den ersten Satz enthielt, ließ man das Ärzteorchester amüsanterweise zum „Tübinger Philharmonischen Orchester“ mutieren...Eine ebenfalls bei Bayer- Records erschienene CD enthielt die oben erwähnte Suite für Orchester und Orgel von Max Bruch als Weltpremiere neben dem 2. Violinkonzert mit Jochen Brusch als Solisten. Auf einer weiteren CD mit dem bekannten Cellisten Thomas Blees als Solist wurden die Cellokonzerte von Joachim Raff und Carl Reinecke festgehalten, beides 1999 Weltpremieren.

Der SWR sendete bis 2007 häufig Konzertmitschnitte des Orchesters, zweimal auf SWF 4. Mittlerweile werden ja Programme von Laienorchestern grundsätzlich nicht mehr gesendet. 1994 war eine ganze Sendung mit dem sinnigen Titel „Weißer Kittel – schwarzer Frack“ dem Orchester und seinem Leiter gewidmet. Ein besonderes Highlight war 1990 die Uraufführung und direkte SWR- Übertragung aus der Stuttgarter Leonhardskirche des Oratoriums „Die Pforte der Freude“ des bedeutenden aus Dresden stammenden und damals noch in Tübingen lebenden Komponisten Rainer Kunad (1936-1995).
Seit 1994 werden die Promotionsfeiern der Medizinischen Fakultät der Universität Tübingen vom Ärzteorchester musikalisch umrahmt. Mehr als hundert jungen Ärzten wird jährlich in festlichem Rahmen des vollen Festsaals der Universität die Promotionsurkunde von führenden Professoren der Med. Fakultät ausgehändigt. Zugleich werden gelegentlich bedeutende Wissenschaftler und verdiente Persönlichkeiten aus Medizin, Wirtschaft und Öffentlichkeit mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde geehrt.

Das Tübinger Ärzteorchester hat sich mit den Jahren im lokalen Kulturleben eine eigene, signifikante Position erringen können. Das Musikleben verdankt ihm eine Fülle von bemerkenswerten Erstaufführungen und die Bekanntschaft mit kostbaren Raritäten, wie sie selbst von benachbarten Profiorchestern fast nicht geboten werden. Aus der seit Anbeginn angesprochenen Zielgruppe - Professoren, Assistenten, Medizinstudenten, niedergelassene Ärzten und Ärztinnen , medizinisches Personal und deren Angehörige - hat sich über die Jahre hin ein tüchtiger fester Kern von Mitspielern gebildet .Noch heute sind viele der ersten Stunde dabei.

Im Laufe der Jahre wurden reizvolle Konzertreisen unternommen, die bisher nach Österreich, Ungarn, Rumänien, die Schweiz, Südtirol, Venedig , Dänemark und zuletzt in Frühjahr 2013 nach Sachsen führten. Grundsätzlich werden von den pro Jahr 2 -3 Programmen je 2 -3 Konzerte bestritten, wobei neben Tübingen viele weitere Orte in Baden-Württemberg bespielt werden. Kirchmann liebt es, besonders schöne und kunstgeschichtlich signifikante Orte für Proben und Konzerte auszusuchen. So waren Konzerte in der Frari – Kirche in Venedig zu Füßen der „Assunta“ von Tizian ebenso unvergesslich wie die Aufführung der 4.Sinfonie von Bruckner in der Wiener Schottenkirche und ein Haydn-Konzert in Schloss Esterhazy. Im Kloster Ochsenhausen , der „Landesakademie für die musizierende Jugend“ finden fast jährlich auswärtige Probenwochenenden statt.

Das Orchester ist seit seinen Anfängen bekannt für seine wohltuend kollegiale und freundschaftliche Atmosphäre .Man genießt fernab von professionellen Profilierungszwängen das gesellige und musikalische Miteinander, wobei Entspanntheit und Humor künstlerischen Ehrgeiz nicht ausschließen. Innerhalb des Orchesters haben zudem viele Kammermusikgruppierungen zusammen gefunden.

Kollege Kirchmann- mittlerweile nach 32 Jahren fachärztlicher Tätigkeit im Ruhestand - sieht auch nach fast 30 Jahren als Dirigent positiv und gelassen in die Zukunft. Er hat noch viele Ideen für zukünftige Programme. Die Konzerte sind gut besucht. Man wird zudem immer wieder gebeten, medizinische Kongresse zu umrahmen. Im Mai 2008 wurde das Tübinger Ärzteorchester eingeladen, im Rahmen des 111. Deutschen Ärztetages in Ulm im bekannten Stadthaus zu konzertieren.

Es bleibt die erstaunliche Tatsache bestehen, dass die Berufsgruppe der Ärzte eine besonders intensive Beziehung zur Musik pflegt, sei es aktiv oder passiv, was sich schon bei Medizinstudenten abzeichnet. Vielleicht machen die speziellen emotionalen Belastungen und täglichen existentiellen Probleme des ärztlichen Berufsalltags kompensatorisch eine besonders hohe Dosis der unvergänglichen, Trost und Erhebung spendenden Schönheiten unvergänglicher Kunst erforderlich, wobei das Medium der Musik eine besonders befreiende und beglückende Rolle spielt.

Seit Juni 2012 ist das Orchester ein eingetragener Verein, als gemeinnützig anerkannt und berechtigt, Sponsoren und Wohltätern steuerlich wirksame Spendenquittungen auszustellen. Wenn auch Mitspieler und Dirigent keinerlei Honorar erhalten, sind doch die Ausgaben für Solisten, Aushilfen, Konzertsäle und Probenräume, Noten, Anzeigen, Plakate und Programme immer wieder ganz erheblich. Das Orchester würde sich über entsprechende Zuwendungen sehr freuen, besonders natürlich wenn Benefizkonzerte an soziale Einrichtungen vorgesehen sind. Auskünfte erteilt die Schatzmeisterin des Orchesters, deren Adresse über den Dirigenten zu erfahren ist.

Nachdem viele Mitspieler seit Jahrzehnten treu mitwirken, würde es das Tübinger Ärzteorchester sehr begrüßen, wenn vermehrt wieder jüngere Mitspieler aus den Reihen der Medizinstudenten/innen und der ärztlichen Berufsanfänger/innen ins Orchester einträten. Streicher, Holz-und Blechbläser werden gerne aufgenommen. Ein Vorspiel ist bei uns nicht üblich. Interessenten/innen mögen sich gerne telefonisch oder per Mail an Norbert Kirchmann wenden.


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